Die gestohlene Steinarchitektur der Ruß

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Wir lachen über die stereotypen Vorstellungen, die sich über Rußland und die Russen fest in den Hirnen der Ausländer verankert haben. Und sind uns gar nicht sonderlich dessen bewußt, daß wir selbst uns in der Gefangeschaft ähnlicher Vorurteile über uns selbst befinden.
Zum Beispiel: welches Bild taucht in unserem Bewußtsein auf, wenn wir – als statistischer Durchschnittsbürger des heutigen Rußland – die Worte „Wladimirer Ruß“ oder „Alte Ruß“ hören?
Sicher liegt es sehr nah an der Wahrheit, wenn wir in unserer Mehrzahl diese Ruß uns so vorstellen:

Die gestohlene Steinarchitektur der Ru kadykchanskiy

Der Mythos von der durchgängig hölzernen Ruß ist so fest in unserem Bewußtsein verwurzelt, daß sogar dann, wenn wir alte Gebäude und Anlagen rekonstruieren, die Restauratoren oftmals bewußt russisches Kolorit dort hinzufügen, wo davon nicht mal ein Hauch vorhanden war.
Alle wissen sehr gut, daß die Stadt Isborsk ursprünglich vollständig aus Stein erbaut worden war. Dort sind bis heute sogar Schuppen und Hühnerställe aus Kalkstein gemauert.

Bitte schaut euch dieses Foto an. Dieses Gebäude ist in allseitiger Hinsicht interessant. Sofort fällt ins Auge, daß hölzern nur der Oberbau ist, während die „Sockeletage“ aus Ziegelstein gemauert ist. Und zwar wurde sie schon lange mit Boden zugespült.
Sie ist nicht in die Erde gebaut, sondern mit Sand und Lehm zugespült worden.
Das ist praktisch jedem verständlich.
Denn man baut Sockeletagen nicht aus Ziegeln, weil diese gebrannten Ziegel gegen Feuchtigkeitseinwirkungnicht beständig sind.

Genau deshalb ist rund um das Gebäude ein Graben ausgehoben, damit das Grundwasser nicht den Ziegelunterbau zerstört, der von einem vorherigen Gebäude stammt.
Der Oberbau aus Holz wurde erst viel später erschaffen, bei der Beseitigung der Schäden der Überschwemmung.
Bemerkenswert, daß sich auf dem Dach „Urnen“ befinden, genauer gesagt Vasen, die in der Vergangenheit als Leuchten benutzt worden waren.
Wahrscheinlich haben die Restauratoren des Gebäudes diese benutzt, um dem Haus das ursprüngliche Aussehen zu geben. Ihrer Bestimmung wurden diese Vasen natürlich nicht mehr zugeführt.

Um den Eindruck zu vervollstndigen, hier noch ein Architekturdenkmal aus Nowosibirsk:

Die gestohlene Steinarchitektur der Ru kadykchanskiy

Offenbar hat dieses vollständig steinerne Haus die Sintflut unbeschädigt überstanden. Und ein solches Bild zeigt sich uns auf dem gesamten Territorium des russischen Imperiums im 19. Jahrhundert.
Das ist doch aber praktisch gestern – und früher, vielleicht war früher die Ruß hölzern?

Meine Anwort ist: ja. Tatsächlich war sie in der Mehrzahl hölzern, genausoviel wie auch Europa hölzern war, und auch die sonstigen Gegenden.
Allerdings sind die Zeugen einer entwickelten Steinarchitektur auf dem Territorium des Großen Tartariens in riesiger Mehrzahl. Nicht weniger als in anderen Ländern, und wahrscheinlich sogar mehr.

Nur haben sie sich bis in unsere Tage leider kaum erhalten, aber der Grund dafür ist eher, daß es in Rußland sehr viel zerstörerischere Naturgewalten gegeben hat, als in selbigem Italien mit seiner „Ewigen Stadt“.
Und die letzten archäologischen Daten geben gewichtige Gründe zu behaupten, daß dies nicht nur eine Version ist.
Einer der klarsten Funde ist der Sockel eines der Tempel des 12. Jahrhunderts auf dem Territorium des Bogoljuber Klosters im Gebiet Wladimir. (bog = Gott, ljubith = lieben – d.Ü.)

des Andrej Bogoljub
des Andrej Bogoljub

Wahrscheinlich war der Tempel ursprünglich ein Viertel höher als heute.
Weil die unterste Etage vollständig von den Schlammfluten begraben wurde, die von den Archäologen heute „KULTURSCHICHT“ genannt werden.
Aber wenn das die Sockeletage ist, dann möge bitte jemand erklären, wofür deren Details in einer solchen Form hergestellt worde seien:

Die gestohlene Steinarchitektur der Ru kadykchanskiy

Die gestohlene Steinarchitektur der Ru kadykchanskiy

Denn man muß kein Bauprofi sein, um zu kapieren, daß diese Elemente, welche sich unter der Erde befinden, um eine ganze Stufe höher in der Qualität ihrer Ausführung sind.
D.h. nach der Logik der orthodoxen Historiker muß daß, was in der Erde ist, elegant und schön sein und auf höchstem technologischem Niveau, und das was an der Oberfläche ist, „da langt’s auch so“.
Denn genau dies ist ja hier zu beobachten. Das, was sich oberhalb der verschütteten Etage, die von den Naturgewalten in die „Sockeletage“ verwandelt wurde, befindet, schaut aus wie lächerliches Laienbauwerk.

Aber anstelle dessen haben unsere inländischen Historiker verkündet… ihr werdet es nicht glauben…
Sie haben gesagt, daß sie „die Reste eine Tempels gefunden haben, der im 12. Jahrhundert wahrscheinlich von italienischen Baumeistern erschaffen wurde (hier ist der Originalartikel).

Ja wie denn auch sonst! Natürlich, die Italiener haben für die Russen die Tempel gebaut. Macht ja nichts, daß Italien erst 1861 entstanden ist, als in London schon die U-Bahn eröffnet wurde?
Denn bis dahin existierten anstelle Italiens verfeindete Fürstentümer!
Unsere Gelehrten sind nicht in der Lage, die Stereotypen von der hölzernen Ruß zu überwinden, und sobald sich etwas diesem schon von der Schulbank an eingeimpften Klichee nicht Entsprechendes zeigt, verfallen sie in Starre und beginnen, Erklärungen zu suchen, die mit der angelernten Methodik übereinstimmen.
Wenn es nicht dem Russischen ähnlich ist, dann ist es skandinavisch. Wenn es nicht dem Skandinavischen entspricht, dann ist es italienisch.
Na und? Den Moskauer Kreml haben doch die Frjasins erbaut…

Aber alle wissen doch bestens, daß Moskau schon immer zu allen Zeiten aus weißem Stein bestand.
Uglitsch, Rostow, Jaroslawl, Nizhnij Nowgorod, Wladimir, Kostroma und alle Städte Moskowiens waren ebenfalls aus weißem Stein erbaut, der bis heute fast nicht mehr erhalten ist.
Er wird noch bei Ausgrabungen gefunden, und die Gelehrten zerbrechen sich den Kopf darüber, wo die Rußigen diese Steine hergeholt hatten.
Die Version über die künstliche Herkunft dieser Steine steht gar nicht auf der Tagesordnung – aber alles spricht dafür, daß diese Steine keine Steine waren, sondern Beton, dessen Bestandteil vor allem Kalk war.
Dank diesem waren die fertigen Blöcke weiß gefärbt.

I. Weis. Moskau 1852
I. Weis. Moskau 1852

Und unsere modernen Vorstellungen von den steinernen Städten Europas sind im Ergebnis der Einwirkung von modernen Kinofilmen über die Musketiere entstanden.
Im Wirklichkeit gab es keine großen Unterschiede zwischen den europäischen und den russischen Städten.

Die Wahrheit ist, daß es keine Unterschiede zwischen Rom und Kiew gab. Sowohl da wie auch dort gab es sowohl steinerne Bauten wie auch hölzerne.
Klar, in Kiew ist das Kloster aus Stein, aber das ist ja auch das Kloster… Aha…

Und wie sieht es mit dem „Goldenen Tor“ aus?

das Goldene Tor. Kiew. Denkmal der russischen Verteidigungsarchitektur
das Goldene Tor. Kiew. Denkmal der russischen Verteidigungsarchitektur

Lächerlich, oder? Aber ich bin über diese Formulierung gestolpert.
Bitte schaut euch aufmerksam den Anbau an. Aus meiner Sicht eine Apotheose der Dummheit!
Die Rekonstrukteure bauen einen Ziegelbau aus den Zeiten von Jaroslaw dem Weisen, und in ihren Köpfen sitzt es so fest, daß damals alles nur hölzern gewesen sein kann, daß sie es nicht lassen konnten, einen „Flügel“ aus Balken dranzukleben. Wozu?!

Wozu, frag ich, war das nötig?!
Und was ist das für ein Turm im Zentrum, in Form eines Kirchenbaus? Wer ist auf die Idee gekommen, in ein Verteidigungsbauwerk dieses Gebäude „reinzustopfen“?
Und überhaupt, wer hat denn gesagt, daß das ein Verteidigungsbauwerk war?
Was wissen unsere Historiker darüber?
Präzise gesagt: NICHTS!
Denn so hat dieses „Verteidigungsbauwerk“ im Jahre 1861 ausgesehen:

Die gestohlene Steinarchitektur der Ru kadykchanskiy

Ei jei jei… Was für eine blühende Phantasie muß man haben, wenn man aus diesen „drei Steinen“ das hinzurekonstruiert, was jetzt in Kiew steht, und das dann noch „Denkmal der russischen Verteidigungsarchitektur“ benennt?
Warum kann man nicht vermuten, daß es eine Kathedrale war?
Oder Thermen – Saunen?

Die gestohlene Steinarchitektur der Ru kadykchanskiy

Ein Stückchen Wahrheit mag schon dabei sein. Das kann wirklich ein Tor gewesen sein, aber … ein Tor wohin?
Vor uns liegt ein kleines verbliebenes Fragment irgendeines riesigen Gebäudes.
Ja, das ist wirklich ein Tor. Aber ein Tor für uns.

Und wenn man in der Vorstellung das fehlende Gebäude hinzumalt, in welchem so eine Tür ist, dann ergibt sich ein Gemälde im Stile der Werke des D.B. Piranesi.
Wohin dieses Tor führte, werden wir schon nie mehr erfahren.

Aber die Idee, diesen übrig gebliebenen Durchgang eines vollständig fehlenden Gebäudes mit der Bezeichnung einer Verteidigungsanlage „auszuzeichnen“, das ist schon zuviel – sogar für einen frisch beginnenden Studenten der Architektur-Fakultät.
Hätte man es wenigstens Triumphbogen genannt, dann wäre noch sehr lange niemand auf die Idee gekommen, daran zu zweifeln.

In unserem Falle kann man mit Überzeugung feststellen, daß es noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Kiew Reste der nicht unsrigen, der vorsintflutlichen Zivilisation gegeben hat.
Jener, die auf seinen „Gemälden“ der Einwohner der „verschwundenen slawischen Stadt“ aufgezeichnet hat:

Giovanni Batista Piranesi.
Giovanni Batista Piranesi.

Warum wird er als phantastischer Maler bezeichnet, der Phantasie-Ruinen gemalt habe?
Denn… dabei kann niemand bestreiten, daß er die Ausgrabungen der antiken römischen Ruinen DOKUMENTIERT hat!
Also ist er, wenn es genehm ist, ein Architekt, und wenn nicht, dann ist er Künstler, Katastrophist
Die Wahrheit ist, daß er nie etwas „phantasiert“ hat. Er hat die Rolle eines Fotoapparates übernommen.
Ja, damals war die Fotografie noch nicht erfunden, und bei den Ausgrabungen war es erforderlich, alles sorgäfltig zu dokumentieren, damit man dann das wiederherstellen konnte, was unter Berücksichtigung der Technologien des 18. Jahrhunderts möglich war.
Er ist keinesfalls ein Genie der phantastischen Malerei.
Er ist ein Künstler, der mit fotografischer Genauigkeit die Rekonstruktion der vorsintflutlichen Anlagen dokumentierthat.
Und jene Gebäude, die es nicht mehr gelang wiederherzustellen, die gelten als phantastisch.
Und damit hat sich Piranesi tatsächlich befaßt:

Die gestohlene Steinarchitektur der Ru kadykchanskiy

Ganz genau!! Piranesi hat Dutzende Bände von Zeichnungen und Skizzen erschaffen, und in der überwiegenden Mehrzahl sind das solche, rein technischen Dokumente.
Sie sind dem breiten Publikum nicht bekannt. Denn dieses ist nur begeistert von seiner Ruinen-Malerei:

Die Gelehrten nennen dies die „Titus-Thermen“.
Die Gelehrten nennen dies die „Titus-Thermen“.

Das erinnert doch sehr an das „Goldene Tor in Kiew“, stimmt’s?
Ich meine dem Stil nach, und im gleichen Zerstörungsniveau. Dort ist aus drei Steinen das „Tor einer Festung“ (man hat nichts dümmeres ausdenken können als das Unvereinbare zu vereinen: „Tor“ und „Festung“) entstanden, und in Rom hat man für drei Steine die Bezeichnung „Thermen“ ausgedacht.
Warum eigentlich nicht „Turm“?
Denn Piranesi war doch kein Italiener, sondern er war Venezianer. Und Venezia, das ist die Stadt Vineta, die in der Legende vom Meer verschlungen wurde.
Ja, verschlungen, aber nur teilweise. Man mußte danach nicht zu Pferd, sondern in Booten sich die Straßen entlang bewegen.

Und Vineter, das ist ein russischer Volksstamm, und gesprochen haben die eher in einer Sprache, die uns auch jetzt ohne Dolmetscher verständlich wäre.
Und wenn Piranesi das „Thermen“ nannte, dann meinte er ganz etwas anderes, und keine Sauna.
„Thermen“ könnten im Ergebnis der Übersetzung des lateinischen Wortes „TeReM“ (TURM) entstanden sein.

Die lateinische Sprache wurde doch extra dafür ausgedacht, damit verschiedene Stämme einander verstehen konnten, und vor allem, damit man schriftliche Dokumente eindeutig auslegen konnte, ohne den Sinn zu verzerren und ohne Hilfe eines Übersetzers.
Latein hat man nicht gesprochen.
Das war eine reine Schriftsprache, und dank dieser, einer toten Sprache, konnte sich Iwan Wassiljewitsch Ognjew(russ. ogon = Feuer) in Giovanni Battista Piranesi verwandeln.
Genauso wie Nikolaj, Matwej und Mark in den modernen Quellen sich in Niccolo, Matteo und Marco Polo verwandelt haben.

Quelle der Übersetzung

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kadykchanskiy

Golubjew Andrej Wiktorowitsch (kadykchanskiy). Geboren am 29. Juli 1969 in der Siedlung Kadykchan im Kreis Susuman, Gebiet Magadan, Sibirien. Absolvierte die Wyborger Luftfahrt-Technische Fachschule und die Russische Zoll-Akademie. Arbeitstätigkeit in der 2. Kuibyschewer Vereinigten Luftfahrt-Gruppe. Dienst beim Pskower Zollamt.
Jurist, Schriftsteller, Historiker.